AG und Spezialambulanz für Angsterkrankungen

Die Arbeitsgruppe für Angsterkrankungen erforscht biologische und psychologische Grundlagen von Angststörungen sowie die (Weiter)Entwicklung bestehender und neuer Therapiemethoden.

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Der Hintergrund

Angst ist zunächst ein normalpsychologisches Phänomen, das dem Individuum dabei hilft, Bedrohungen wahrzunehmen bzw. einzuschätzen und in gefährlichen Situationen adäquat zu reagieren. Am Anfang einer Angstreaktion stehen koordinierte Aktivitätsveränderungen in bestimmten, angstassoziierten Gehirnbereichen (dem sogenannten "Angstnetzwerk"), die in Reaktion auf einen angstauslösenden Stimulus ausgelöst werden. Diese wiederum führen zu Alterationen in weiteren biologischen Systemen, z.B. einer Aktivierung  des vegetativen Nervensystems oder der vermehrten Ausschüttung des "Stresshormons" Kortisol. Hierdurch werden schließlich Veränderungen innerhalb des Organismus hervorgerufen (Fokussierung der Wahrnehmung auf die Gefahr, Umverteilung des Blutvolumens vom Gehirn in die Muskulatur, eine Erhöhung des Blutdrucks, Veränderung der Atmungsfrequenz, etc.), die es den Betroffenen ermöglichen, sich der Gefahr zu stellen oder vor ihr zu fliehen ("fight or flight"). Aus dem dargestellten Ablauf lässt sich auch die typische Symptomatik einer Angstreaktion ableiten, die aus einer psychischen Komponente (z. B. einem "Tunnelblick", einem Gefühl der Veränderung der Umwelt und des Kontrollverlustes oder der Angst zu sterben oder "verrückt" zu werden) sowie körperlichen Symptomen wie beispielsweise Herzrasen, Zittern, Schwindel, Luftnot, Übelkeit oder Kribbelempfindungen besteht.

Tritt eine Angstreaktion jedoch in Situationen auf, die nach objektiven Gesichtspunkten nicht gefährlich sind oder übertrifft ihr Ausmaß die reale, durch den Auslöser ausgehende Bedrohung, spricht man von einer inadäquaten Angst. Während im Kindes- und Jugendalter inadäquate Ängste entwicklungsbedingt relativ häufig vorkommen und sich häufig (jedoch nicht immer!) auch spontan wieder bessern, deutet deren Überdauern oder ein Neuauftreten im Erwachsenenalter auf eine krankhafte Angst hin. Diese "pathologische Angstreaktion" zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich im Zeitverlauf unbehandelt meist verschlechtert und schließlich zu einer (deutlichen) psychischen Belastung und einer signifikanten Beeinträchtigung der Alltagsaktivitäten der Betroffenen führt.   
In Abhängigkeit der Art oder des Auslösers einer pathologischen Angstreaktion werden durch die beiden gegenwärtig in Klinik und Forschung maßgeblichen Diagnosesysteme (der "Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme" [ICD-10] sowie dem "Diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen" [DSM-5]) mit der Panikstörung, der Generalisierten Angststörung (GAS), der Agoraphobie, der sozialen Phobie, den spezifischen Phobien, der Trennungsangstangst im Erwachsenenalter [DSM-5] sowie dem Selektiven Mutismus [DSM-5] gegenwärtig fünf bzw. sieben kategoriale Angststörungen unterschieden. Angststörungen stellen als Gruppe die häufigsten psychischen Erkrankungen dar und können je nach Subtyp in unterschiedlichen Lebensabschnitten erstmals auftreten. Eine ausführlichere Darstellung der einzelnen Krankheitsbilder findet sich auf der Website der Angstambulanz.

Unabhängig von der jeweils erkrankungsspezifischen Symptomatik sowie epidemiologischen Besonderheiten wurden bei allen Angststörungen jedoch oftmals ähnliche (neuro)biologische Veränderungen gefunden. Hierzu zählen z.B. eine Dysfunktion des Angstnetzwerks und überdauernde Veränderungen des vegetativen Nerven- bzw. des Stresshormonsystems. Gerade neuere Studien zeigten auch verschiedene genetische Veränderungen, bei denen ein ursächlicher Zusammenhang mit den zuvor beschriebenen Abweichungen vermutet wird. Auf Basis des sogenannten "biopsychosozialen Modells" sind diese Befunde jedoch nicht allein für die Entstehung von Angsterkrankungen verantwortlich; vielmehr erhöhen sie die Empfindlichkeit, unter bestimmten Bedingungen eine pathologische Angstreaktion zu entwickeln, die sich anschließend verselbstständigen kann. In diesem Zusammenhang kommen sowohl akutem und anhaltendem Stress als auch problematischem Lernen in der Entstehung und  Aufrechterhaltung von Angststörungen wichtige Rollen zu. Insbesondere das Ineinandergreifen verschiedener Konditionierungsprozesse führt dazu, dass eine initial stressausgelöste inadäquate Angstreaktion sich auf andere Situationen mit vergleichbaren Merkmalen überträgt und sich schließlich ein oft weitreichendes Vermeidungsverhalten gegenüber bestimmten Situationen, Themen oder Körpersymptomen etabliert, welches die Betroffenen meist stark belastet und einschränkt.
Aus den dargestellten "psychobiologischen" Faktoren der Krankheitsentstehung leiten sich verschiedene Therapieoptionen in Bezug auf Angststörungen ab. Zunächst können im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), der in Bezug auf Angststörungen mit den meisten Wirksamkeitsnachweisen belegten Psychotherapieform, krankheitsbegünstigende Lernprozesse korrigiert werden. Durch eine Veränderung von Wahrnehmungen und Bewertung der Angstsymptome sowie der Reaktion gegenüber angstauslösenden Situationen gelingt es so häufig, eine Verbesserung bzw. einen vollständigen Rückgang der jeweiligen Symptomatik zu erreichen. Darüber hinaus stellt eine medikamentöse Therapie eine weitere Behandlungsmöglichkeit dar. Diese zielt primär darauf ab, die Aktivität innerhalb des Angstnetzwerks (wieder) zu normalisieren (eine genauere Darstellung beider Therapieoptionen ist auf der Website der Angstambulanz verfügbar).

Die Arbeitsgruppe

In der im Jahr 2002 gegründeten Arbeitsgruppe für Angsterkrankungen widmen wir uns nun bereits langfristig der weiteren Erforschung biologischer und psychologischer Grundlagen der Angststörungen sowie der (Weiter)Entwicklung bestehender und neuer Therapiemethoden. Schwerpunkte sind hierbei u. a.:

  • die Verbesserung der Effekte konventioneller Behandlungsoptionen,
  • die Analyse von Wirkfaktoren der Psychotherapie,
  • die Untersuchung der angstreduzierenden Wirksamkeit von körperlicher Bewegung sowie
  • die Konzeption individueller Therapiekonzepte für besondere Patientengruppen